Wer auf den weitläufigen Marktplatz von Wismar tritt, spürt sofort: Hier schlägt seit Jahrhunderten das Herz der Stadt. Zwischen prächtigen Giebelhäusern und dem bunten Treiben der Cafés steht ein Bauwerk, das wie kein anderes den Charakter der Hansestadt verkörpert – die Wasserkunst. Dieses zwölfeckige, aus hellem Kalkstein errichtete Pavillonbauwerk im Stil der niederländischen Renaissance wurde zwischen 1579 und 1602 errichtet. Der Utrechter Baumeister Philipp Brandin entwarf das Bauwerk, konnte es aber nicht mehr vollenden. Nach seinem Tod im Jahr 1594 führte der Lübecker Steinmetz Heinrich Dammert die Arbeiten fort, bis der Bau schließlich im Jahr 1602 abgeschlossen war.
Die Wasserkunst war weit mehr als ein architektonischer Blickfang – sie war über Jahrhunderte das zentrale Wasserwerk der Stadt. Über ein ausgeklügeltes System aus hölzernen Leitungen gelangte frisches Quellwasser aus Metelsdorf und vom Mühlenteich in das Innere des Pavillons. Von dort wurde es an mehr als zweihundert Haushalte sowie an sechzehn öffentliche Brunnen innerhalb der Stadt verteilt. Für die Menschen der damaligen Zeit war dies eine technische Sensation: Die Wasserkunst sicherte eine verlässliche Versorgung mit sauberem Wasser, was Hygiene und Lebensqualität spürbar verbesserte.
Auch optisch war das Bauwerk von Beginn an ein Ausdruck städtischen Selbstbewusstseins. Die Kupferhaube mit der sechseckigen Laterne, die feinen Steinmetzarbeiten und die reich verzierten Gitter gaben der Wasserkunst einen repräsentativen Charakter. Bis 1897 versorgte sie die Stadt zuverlässig mit Trinkwasser. Danach übernahmen moderne Wasserleitungen diese Aufgabe, und die Wasserkunst wurde zu einem historischen Monument, das den technischen Erfindungsgeist der Renaissance bewahrt.
Dieses Zitat findet sich an der Wasserkunst:
"...Möge durch des barmherzigen Gottes Gnade der Fleiß und die Treue der Vorsteher auf lange Zeit hin dies der Gesundheit, Reinlichkeit und öffentlichen Sicherheit gewidmete Werk unserer Stadt erhalten.“
Mehrfach wurde das Bauwerk restauriert – besonders umfassend zwischen 1966 und 1976. Damals erhielten auch die beliebten Figuren „Nix“ und „Nixe“, im Volksmund „Adam und Eva“ genannt, ihren Platz zurück – allerdings in Form von detailgetreuen Kopien.
Wer die Wasserkunst besucht, sollte sich Zeit nehmen, den gesamten Marktplatz zu erkunden. Die umliegenden Bürgerhäuser – etwa der „Alte Schwede“ – erzählen von der Blütezeit Wismars als Hansestadt. Nur wenige Schritte entfernt beginnen unsere Stadtrundfahrten, bei denen die Wasserkunst stets ein fester Programmpunkt ist. Mit unserem Panoramabus oder im offenen Doppeldecker haben Gäste die Möglichkeit, nicht nur die Wasserkunst, sondern auch die drei großen Kirchen der Backsteingotik, den Alten Hafen und viele weitere Highlights kennenzulernen.
Die Wasserkunst ist heute ein beliebtes Fotomotiv, das zu jeder Tageszeit eine andere Stimmung ausstrahlt: morgens im weichen Licht, wenn sich der Platz langsam füllt, oder am Abend, wenn die Straßenlaternen leuchten und das Kupferdach warm schimmert. Sie ist ein Ort, an dem Geschichte, Technik und Schönheit aufeinandertreffen – und wer Wismar besucht, wird an ihr kaum vorbeikommen.